Bild: „Imtech Arena Stadium, Hamburg, Germany (Unsplash).jpg“ von davide ragusa, CC0 (Lizenz) (zugeschnitten und verkleinert)
Es gibt Stimmen, die treffen jeden Ton. Und es gibt die Hamburger Goldkehlchen. Die treffen ihn nicht immer – aber sie treffen etwas anderes, und genau darum geht es heute Abend im Volksparkstadion.
Rund 50.000 Menschen werden erwartet, wenn der Hamburger Männerchor dort sein Abschiedskonzert unter dem Motto „Heimspiel der Herzen“ gibt. Ein Laienchor in einem Fußballstadion. Nicht als Vorgruppe, nicht als Pausenfüller, sondern als Hauptact. Das ist die Art von Geschichte, die man erklären muss – und die sich beim Erklären schon ein bisschen selbst erklärt.
Ein Chor, der nie einer sein wollte
Die Goldkehlchen sind kein Ensemble im klassischen Sinn. Sie sind ein Haufen Hamburger Männer, die gemeinsam singen, weil es ihnen Freude macht. Kein Vorsingen, keine Leistungsauslese, kein Anspruch auf Perfektion. In der Berichterstattung der letzten Tage taucht immer wieder dieselbe Formulierung auf: Sie singen schief, aber mit Liebe.
Das klingt nach einer netten Umschreibung für ein Problem. Ist es aber nicht. Es ist die eigentliche Beschreibung ihres Erfolgs. Wer singt, um perfekt zu sein, braucht ein Publikum, das Perfektion bewundert. Wer singt, weil er singen will, findet Menschen, die sich darin wiedererkennen.
Von der Elbphilharmonie ins Stadion
Der Weg der Goldkehlchen ist bemerkenswert. Sie haben in der Elbphilharmonie gesungen – mit Stargästen, im Livestream. Für einen Amateurchor ist das etwa so, als würde eine Hobby-Fußballmannschaft im Weserstadion auflaufen.
Und jetzt also das Volksparkstadion. Die Dimensionen sind noch einmal andere: 50.000 Menschen statt ein paar tausend. Es ist der Ort, an dem sonst der HSV spielt, an dem internationale Stars Station machen. Heute steht dort ein Chor, dessen Mitglieder am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gehen.
Dass das funktioniert, sagt etwas über Hamburg. Diese Stadt hat eine ausgeprägte Schwäche für Menschen, die etwas tun, ohne es zu müssen.
Warum sie aufhören
Die Goldkehlchen hören auf. Das ist der Grund für das Konzert, und es ist der traurige Teil der Geschichte.
Warum genau, dazu gibt es unterschiedliche Darstellungen – die Berichterstattung der letzten Tage schwankt zwischen einem klaren Schlusspunkt und einem „oder doch nicht?“. Manche Überschriften lassen die Tür einen Spalt offen. Wer heute Abend dabei ist, wird es vielleicht genauer wissen.
Klar ist: Ein Chor, der seit Jahren besteht, ist mehr als ein Termin im Kalender. Er ist ein fester Kreis von Menschen, die sich regelmäßig sehen, die zusammen älter geworden sind, die gemeinsam aufgetreten sind. Wenn so etwas endet, endet nicht nur ein Hobby.
Die Robbie-Williams-Frage
Um das Konzert ranken sich Spekulationen, die nicht alle bestätigt sind. Am hartnäckigsten hält sich ein Gerücht um einen Auftritt von Robbie Williams – was insofern naheliegt, als der britische Sänger in dieser Größenordnung zu Hause ist und Überraschungsgäste bei Abschiedskonzerten Tradition haben.
Das ist zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation, nicht mehr. Belastbar bestätigt ist die Gerüchtelage nicht. Wer Karten hat, darf sich überraschen lassen – und wer keine hat, muss ohnehin nicht enttäuscht sein: Der eigentliche Auftritt gilt einem Chor, nicht einem Stargast.
Was heute Abend wirklich passiert
Ein Stadion voller Menschen, die einen Chor feiern, der nicht perfekt singt. Das ist der Kern der Sache.
Es gibt einen Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt: Heimspiel. Normalerweise meint das den Vorteil, den eine Mannschaft zu Hause hat. Bei den Goldkehlchen bedeutet es etwas anderes. Es bedeutet: Hier gehören wir hin, und ihr gehört zu uns.
50.000 Menschen werden das heute Abend bestätigen. Für einen Männerchor aus Hamburg ist das ein Abschied, wie man ihn sich nicht schöner ausdenken kann.